Eine Gebrauchsanweisung fürs Verzeihen

Viktor Hanacek picjumbo.com„Das verzeihe ich dir nie“, ist einer der schmerzvollsten Sätze, die es gibt. Auch wenn Sie diese Worte so direkt vielleicht noch nicht ausgesprochen haben, gedacht hat sie fast jeder schon einmal. Dabei vergiftet die Weigerung zu verzeihen, nicht nur die Beziehung zu anderen, sondern sie macht uns physisch und psychisch krank. Verzeihen zu können ist daher vor allem für uns und unsere Gesundheit wichtig, außerdem schenkt es inneren Frieden.
Lesen Sie, was hilft, mit Kränkungen und Verletzungen besser umzugehen.

Verzeihen ist der Schlüssel zur Heilung

In Beziehungen sind Konflikte und Enttäuschungen unvermeidlich. Ob in der Partnerschaft, in der Familie, im Freundeskreis oder im Beruf, dem anderen nach einem Streit zu verzeihen, fällt nicht leicht. Meist geht es um Belanglosigkeiten und doch gehen wir häufig ohne Versöhnung auseinander und fühlen uns verletzt oder gekränkt. Wir reagieren beleidigt und strafen den Übeltäter mit Verachtung. Gefühle wie Enttäuschung, Ärger und Groll kommen auf. Manche Menschen baden tagelang im Selbstmitleid oder hegen Rachegedanken, sie fühlen sich dann angespannt, gereizt und unkonzentriert.

Auf Dauer ist dieser negative Emotionszustand ziemlich ungesund, denn er beeinflusst unser Wohlbefinden ganz enorm. Als erstes treten Schlafstörungen auf, der Blutdruck steigt, das Immunsystem fährt runter und Depressionen stellen sich schneller ein als gedacht. Krankhaft wird es, wenn der Schmerz und die Wut zu groß sind und Verbitterung längere Zeit andauert. Mediziner nennen diesen Zustand „posttraumische Verbitterungsstörung“, von der zirka ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Vergeltung ist aber nicht die Lösung, denn dann kommen zu der Verbitterung auch noch Schuldgefühle oder Scham hinzu.

Wer verzeiht, fühlt sich erleichtert

Auch wenn Verzeihen Schwerstarbeit ist, es lohnt sich. Denn neuen Untersuchungen zufolge, senkt Vergebung den Blutdruck, lindert Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Schlaflosigkeit und Depressionen bleiben aus. Außerdem soll es das Körpergewicht bei Übergewichtigen normalisieren. Es lebt sich also gesünder, nicht nachtragend zu sein.

Wenn vergeben für die Seele so heilsam ist, warum fällt es dann so schwer?

Weil es Zeit braucht  einen Streit zu verarbeiten. Es hilft weder das Problem kleinzureden, noch genügt es zu sagen „Ich vergebe dir“, denn Verzeihen ist nicht nur eine Willenserklärung, Sie müssen Ihren Anspruch auf Vergeltung aufgeben. Leider kann man nicht einfach so tun, als gäbe es das Problem nicht mehr. Es löst sich nicht in Wohlgefallen auf, nur weil wir es loslassen wollen. Akzeptieren Sie, dass Fehler passieren und dass jeder seine eigene Meinung haben darf. Machen Sie sich frei von dem Gedanken des vermeintlich erlittenen Unrechts.

Falls das den Streit nicht löst, entziehen Sie ihm die Macht. Geben Sie die Schuldzuweisung auf und versuchen Sie, sich in die Rolle des anderen zu versetzten. Arbeiten Sie den Konflikt auf und finden Sie die eigentliche Ursache. Und dann kommen Sie aus Ihrer Opferrolle heraus und hören auf sich zu fragen, warum gerade Ihnen das passiert. Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Glück und Wohlbefinden von der Willkür anderer Manschen abhängt. Verzeihen heißt nicht, unrechtes Verhalten zu entschuldigen oder gutzuheißen, es bedeutet, emotionalen Abstand zu gewinnen. Sie sollen nicht grundlos zurückstecken, Sie müssen sich auch nicht notwendigerweise mit der Person versöhnen.

Schließen Sie Frieden mit der Vergangenheit und vergeben Sie, Ihrer Gesundheit zuliebe. Vergeben Sie aus ganz egoistischen Gründen.

5 Tipps, die Ihnen helfen:

  1. Faktencheck
    Was genau ist passiert? Machen Sie eine Liste mit zwei Spalten. In die erste tragen Sie die reinen Fakten ein, in der anderen listen Sie Ihre Gefühle dazu auf. Jetzt sehen Sie sich die Faktenreihe an, was ist tatsächlich passiert? Was liegt dem Streit zugrunde? Gibt es eine Lösung? In der zweiten Spalte stehen die Gründe Ihrer emotionalen Verletzung. Jetzt entscheiden Sie, was Ihnen wichtiger ist, Ihre Wohlergehen oder wollen Sie weiter schmollen und sich dabei weiter schlecht fühlen?
  2. Gefühle rauslassen
    Stellen Sie sich die Person vor, mit der Sie Streit hatten, und lassen Sie allen Ärger raus. Schreien Sie, toben Sie, lassen Sie alle Wut los. Dabei geht es nicht um ein klärendes Gespräch, sondern es geht darum, die negativen Emotionen abzubauen. Und heißen Sie alle aufkommende Wut willkommen. Es ist in Ordnung, dass Sie für diesen Moment den Zorn zulassen, bemerken Sie ihn und dann lassen Sie ihn ziehen.
  3. Emotionen aufschreiben
    Schreiben Sie einen Brief an die betreffende Person, beschreiben Sie nieder, wie Sie sich gefühlt haben und warum Sie das Gesagte so getroffen hat. Und dann werfen Sie den Brief weg. Schicken Sie ihn bitte nicht wirklich ab, denn das würde die Auseinandersetzung nur verlängern.
  4. Darüber reden
    Fressen Sie Ihren Ärger nicht in sich hinein. Vertrauen Sie sich einem guten Freund an und reden Sie sich den Groll von der Seele. Eine andere Meinung zu hören, verhilft häufig auch zu einem Perspektivwechsel.
  5. Loslassen
    Geben Sie der Situation nicht weiter Macht, in dem Sie an Ihren Verletzungen festhalten. Prüfen Sie selbstkritisch, ob Sie nicht selbst Macht auf den Schuldigen ausüben. Fragen Sie sich ehrlich:
    Warum kann ich nicht vergessen, nicht loslassen?
    Ziehe ich einen Nutzen aus der Situation?
    Was will ich damit erreichen?
    Und begreifen Sie, dass Emotionen wie Wut und Enttäuschen Gefühle sind, die auch wieder gehen, wenn man sie lässt.

So stellen Sie fest, ob Sie wirklich vergeben haben

Stellen Sie sich den Konflikt in allen Einzelheiten vor und achten Sie auf alle aufkommenden Gedanken und Gefühle.
Nur wenn Sie jetzt ohne Groll an das Geschehene zurückdenken können, haben Sie wirklich vergeben.

Bildnachweis: Viktor Hanacek picjumbo.com

2 Comments on “Eine Gebrauchsanweisung fürs Verzeihen

  1. Verzeihen ist gar nicht so einfach. Selbst wenn der Kopf kapiert hat, dass jeder mal Fehler macht,heißt das noch lange nicht, dass das Gefühl mitspielt.
    Dein letzter Hinweis auf das Kontrollieren find ich gut. Das hat mir gezeigt, dass ich einer Person noch nicht wirlich verziehen habe.

    freu ich auf weitere Artikel, Simone

    • Du hast so recht, erst wenn das Herz verzeiht, haben wir wirklich Frieden geschlossen.
      Und dabei ist es für unser eigenes Wohl so wichtig, allen Groll loszulassen.
      Tue es für dich!

      Liebe Grüße
      Monika

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