Neuroplastizität – oder: Warum es reicht, sich Training nur einzubilden

Kopfueber ins LebenWussten Sie, dass sich das Gehirn aufgrund bloßer Vorstellungskraft verändern lässt? Neurowissenschaftler bestätigen, dass bereits ein ausschließlich mentaler Prozess messbare Auswirkungen auf das Gehirn hat. Das bedeutet, alles was wir denken hat einen direkten Einfluss auf die Struktur unseres Gehirns. Findet Sport künftig nur noch im Kopf statt?

Lesen Sie, wie man sich diese Technik im Alltag zunutze machen kann.

Der Geist verändert den Körper

Lange glaubte man, dass die Verbindungen im Gehirn unveränderlich starr seien, bis Wissenschaftler herausfanden, dass sich das Gehirn während jeder Lebenszeit gezielt verändern lässt. Das bedeutet, dass Synapsen, Nervenzellen oder auch ganze Bereiche im Gehirn sich so verändern lassen, dass neue Funktionen erlernt oder übernommen werden können. In den vergangenen Jahren ist in der psychologischen Forschung viel passiert. Und eine der bedeutendsten Entdeckung ist die Erforschung der sogenannten Neuroplastizität.

Die Neuroplastizität, die Formbarkeit des Gehirns, beschreibt die Eigenschaft des Nervensystems sich an äußere Umstände, Druck oder Erfahrungen bis ins hohe Alter anpassen zu können. Vor allem die Bedeutung des Lernens wurde genauestens erforscht und hat viele neue Erkenntnisse geliefert.

Durch gezieltes Lernen kann das Gehirn verändert werden

Wird ein Nerv durch wiederholte Reizung angeregt, beispielsweise durchs Lernen, entwickelt sich ein zunehmend größeres Hirnareal, weil das Gehirn dafür mehr Gewebe zur Verfügung stellt. Es entstehen neue Nervenverbindungen, die wiederum für eine höhere Leitungsgeschwindigkeit sorgen. Dieses Vorgehen wird gerne mit einem Netzwerk aus Straßen verglichen, denn durch häufiges Üben werden die Verbindungen stärker, es entsteht quasi ein Trampelpfad, der immer fester wird. Durch regelmäßiges Training werden die angelegten Synapsen mit der Zeit breiter, vergleichbar mit einer mehrspurigen Autobahn. Leider bilden sich solche Verbindungen aber  auch wieder zurück, wenn sie nicht mehr genutzt werden.

Tägliches Üben für mehr Gesundheit und Glück

Neue Untersuchungen haben nun gezeigt, dass unser Gehirn sich sogar schon durch die bloße Vorstellung verändert. Eine ausschließlich gedanklich ausgeführte Übung hat demnach die gleiche messbare Auswirkung auf das Gehirn, als wenn wir die Übung tatsächlich durchführen würden. Beide Male werden die gleichen synaptischen Verbindungen verstärkt. Und je regelmäßiger wir etwas denken, desto fester verbinden sich die Synapsen – denken Sie an den Trampelpfad.

Der Hirnforscher Alvaro Pascual-Leone von der Harvard Medical School ließ in einer Studie Freiwillige ein einfaches Klavierstück üben und untersuchte anschließend die Gehirnregionen. Der Bereich, der für die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergrößerte sich wie erwartet. Im nächsten Schritt sollten sich dieselben Personen nun nur im Geiste vorstellen, das Klavierstück zu spielen. Es veränderten sich genau dieselben Hirnreale wie bei den tatsächlichen Übungen. Allein der Gedanke reichte aus, um die gleichen physiologischen Veränderungen der entsprechenden Hirnareale zu bewirken.

Die mentale Ursache von Glück

Das Vorstellen von Bewegungen ist somit mehr als bloßes Kopfkino. Es aktiviert dieselben Gehirnareale wie echtes Training, verändert das Gehirn und verbessert die Koordination. Und diese Erkenntnisse kann man sich nicht nur in der Medizin oder im Sport zunutze machen, sondern auch im Alltag. Psychologieforscher Jeffrey Schwartz von der University of California prägte den Begriff der „selbstgesteuerten Neuroplastizität“, was eine einfache Methode beschreibt, mit der man negative Gedanken in eine positive Aktion umwandeln kann.

Laut Schwartz` Auffassung kann man lernen, die Reaktionsweise seines Gehirns zu verändern, indem man seine Aufmerksamkeit anders ausrichtet. Unser Gehirn reagiert von Natur aus stärker auf einen negativen Reiz als auf einen positiven Reiz, da unser Fokus stärker auf Negatives ausgerichtet ist. Wir lernen scheinbar mehr aus Schmerz als aus Freude und erinnern uns leider auch eher an schmerzvolle als an erfreuliche Erfahrungen. Ein Verhalten, das aus der Evolution stammt. Das erklärt, warum wir uns beispielsweise am Ende eines Tages eher an die eine Sache erinnern, die schiefgelaufen ist, anstatt an die vielen kleinen positiven Dinge.

Und genau hier kann man laut Schwartz ansetzen. Schaut man auf die positiven Dinge und schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit, werden Neuronen aktiviert und sie vernetzen sich untereinander. Aus einer kleinen Straße wird ein fester Trampelpfad, die Erinnerungen an das Gute werden tiefer verankert. Wir können unser Gehirn also durch Achtsamkeit neu verdrahten, es umformen und so das eigenen Wohlbefinden steigern.

id-100260007-stuart-miles-at-freedigitalphotos-net-bearbeitet

Das glückliche Gehirn

Es geht im Wesentlichen darum, ganz alltägliche positive Dinge wahrzunehmen und ihnen ganz bewusst Achtsamkeit zu schenken. In dem wir Gelegenheiten im täglichen Leben gezielt nutzen, können wir unser Gehirn und uns selbst glücklicher machen. Dazu eignet sich jede positive Alltagserfahrung. Es muss kein Moment überschäumenden Glücks sein, sondern der kurze Augenblick der Zufriedenheit reicht völlig. Die Freude beispielsweise über ein Kompliment, der Genuss der ersten Tasse Kaffee am Morgen, das Lächeln eines Fremden, wärmende Sonnenstrahlen…

Es gibt bestimmt auch viele dieser kurzen freudigen Momente in Ihrem Leben, auf die Sie Ihre Aufmerksamkeit richten können. Achten Sie auf jede dieser positiven Alltagserfahrung und schenken ihr mindestens 20 Sekunden ungeteilte Aufmerksamkeit. Und immer wenn Sie sich ein erfreuliches angenehmes Ereignis ins Gedächtnis rufen und sich dabei positive Gedanken machen, üben Sie im Geiste und halten die damit verbundenen positiven Gefühle wach.

Mit der Zeit finden dann neue Vernetzungen statt, die sich dauerhaft in den Gehirnstrukturen verankern – neue neuronale Strukturen, die mehr Glück und Zufriedenheit ins Gehirn bringen.

Bildnachweis:©freshidea-Fotolia.com / ©Stuart Miles at FreeDigitalPhotos.net

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.